Unser Militär (Tucholsky FG)
[62] Unser Militär!
Einstmals, als ich ein kleiner Jungeund mit dem Ranzen zur Schule ging,schrie ich mächtig, aus voller Lunge,hört ich von fern das Tschingderingdsching.
5Lief wohl mitten über den Damm,
stand vor dem Herrn Hauptmann stramm,vor den Leutnants, den schlanken und steifen…Und wenn dann die Trommeln und die Pfeifenübergingen zum Preußenmarsch,
10fiel ich vor Freuden fast auf den Boden –
die Augen glänzten – zum Himmel stiegMilitärmusik! Militärmusik!
Die Jahre gingen. Was damals ein Kindbejubelt aus kindlichem Herzen,
15sah nun ein Jüngling im russischen Wind
von nahe, und unter Schmerzen.Er sah die Roheit und sah den Betrug.Ducken! ducken! noch nicht genug!Tiefer ducken! Tiefer bücken!
20Treten und Stoßen auf krumme Rücken!
Die Leutnants fressen und saufen und huren,wenn sie nicht grade auf Urlaub fuhren.Die Leutnants saufen und huren und fressendas Fleisch und das Weizenbrot wessen? wessen?
25Die Leutnants fressen und huren und saufen…
Der Mann kann sich kaum das Nötigste kaufen.Und hungert. Und stürmt. Und schwitzt. Und marschiert.Bis er krepiert.
[63]Und das sah einer mit brennenden Augen
30und glaubte, der Krempel könne nichts taugen.
Und glaubte, das müsse zusammenfallenzum Heile von Deutschland, zum Heil von uns allen…Aber noch übertönte den Jammer im KriegMilitärmusik! Militärmusik!
35Und heute?
Ach heute! Die Herren obentun ihren Pater Noske lobenund brauchen als Stütze für ihr Prinzipden alten, trostlosen Leutnantstyp.
40Das verhaftet, regiert und vertobackt Leute,
damals wie heute, damals wie heute –Und fällt einer wirklich mal herein,setzt sich ein andrer für ihn ein.Liebknecht ist tot. Vogel heidi.
45Solchen Mörder straft Deutschland nie.
Na und -?Der Haß, der da unten sich sammelt,hat euch den Weg zwar noch nicht verrammelt.Aber das kann noch einmal kommen…!
50Nicht alle Feuer, die tiefrot glommen
unter der Asche, gehen aus.Achtung! Es ist Zündstoff im Haus!Wir wollen nicht diese Nationalisten,diese Ordnungsbolschewisten
55all das Gesindel, das uns geknutet,
unter dem Rosa Luxemburg verblutet.
[64]Nennt ihr es auch Freiwilligenverbände:
es sind die alten, schmutzigen Hände.Wir kennen die Firma, wir kennen den Geist,
60wir wissen, was ein Korpsbefehl heißt…
Fort damit –!Reißt ihre Achselstückein Fetzen – die Kultur kriegt keine Lücke,wenn einmal im Lande der verschwindet,
65dessen Druck kein Freier verwindet.
Es gibt zwei Deutschland – eins ist frei,das andre knechtisch, wer es auch sei.Laß endlich schweigen, o Republik,Militärmusik! Militärmusik –!
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