Zwei Seelen
[350] Zwei Seelen
Ich, Herr Tiger, bestehe zu meinem Heilaus einem Oberteil und einem Unterteil.
Das Oberteil fühlt seine bescheidene Kleinheit,ihm ist nur wohl in völliger Reinheit;
5es ist tapfer, wahr, anständig und
bis in seine tiefste Tiefen klar und gesund.Das Oberteil ist auch durchaus befugt, Ratschläge zu erteilen
[351]und die Verbrechen von andern Oberteilen
zu geißeln – es darf sich über die Menschen lustig machen,
10und wenn andre den Naseninhalt hochziehn, darf es lachen.
Soweit das.Aber, Dunnerkeil,das Unterteil!Feige, unentschlossen, heuchlerisch, wollüstig und verlogen;
15zu den pfinstersten Pfreuden des Pfleisches fühlt es sich hingezogen –
dabei dumpf, kalt, zwergig, ein greulichespessimistisches Ding: etwas ganz und gar Abscheuliches.
Nun wäre aber auch einer denkbar - sehr bemerkenswert! –,der umgekehrt.
20Der in seinen untern Teilen nichts zu scheuen hätte,
keinen seiner diesbezüglichen Schritte zu bereuen hätte –ein sauberes Triebwesen, ein ganzer Mann undbis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund.
Und es wäre zu denken, daß er am gleichen Skelette
25eine Seele mit Maukbeene hätte.
Was er nur andenkt, wird faulig-verschmiert;sein Verstand läuft nie offen, sondern stets maskiert;sogar wenn er lügt, lügt er; glaubt sich nichts, redet sichs aber ein –und ist oben herum überhaupt ein Schwein.
30Vor solchem Menschen müssen ja alle, die ihn begucken,
vor Ekel mitten in die nächste Gosse spucken!
[352]Da striche auch ich mein doppelkollriges Kinn
und betete ergriffen: „Ich danke dir, Gott, daß ich bin, wie ich bin!“
Was aber Menschen aus einem Gusse betrifft in der schönsten der Welten –:
35der Fall ist äußerst selten.
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