Die Fürstin von Isenburg
O könntest du, mein Lied, doch SonnenglanzUnd Farbenpracht des Irisbogens finden.Du solltest einen prächtgen StrahlenkranzUm ein verehrtes Bildniß daraus winden!O Genius, der Schillern Farben lieh,O Genius der deutschen Poesie,Gieb mir nur heute deine schönsten Tinten!
Denn eine Heilige ist es, der es gilt,Wenn in den Kanon auch nicht aufgenommen;Es ist ein hehres deutsches Frauenbild,In der der Liebe reinste Glut entglommen.Mehr als dem Papst, des Himmels stolzem Knecht.Gebührt dem Dichter das erhab’ne Recht,Zu Heiligen zu sprechen seine Frommen
Gepriesen sei die Fürstin Frau SophieVon Isenburg im glänzenden Gedichte,An der ihr Priesteramt die PoesieNach ihrem gottentstammten Recht verrichte!Die Fürstin trete mit dem Heil’genschein.Gewebt aus Liederstrahlen hehr und rein,Aus dem Gedicht hinaus in die Geschichte!
Ein Frühlingsabend führt die hohe Frau,Von ihrer Dienerin allein begleitet,Mit ihrem Säugling in die grüne Au,Die sie mit seligem Gefühl durchschreitet.Der Liebe Gottesflamme, die sie hegt,Mit der sie auch den ärmsten Bruder pflegtSieht sie als Segen um sich ausgebreitet.
Im Körbchen trägt die Zofe Brot und Wein.Zur Tafel wandeln oft die AbendstundenDer edeln Frau den moosgeschwellten Rain,Da läßt sie froh sich Lottes Gabe munden.Auch hat zuweilen schon ein armer GastAn diesem Fürstentische süße Rast,Erquickung und ein freundlich Wort gefunden.
Sieh nach der Mutterbrust lebend’gem QuellVerlangt in ihrem Arm der holde Knabe!Sie setzt auf einen Stein am Weg sich schnellUnd reicht dem Liebling die ersehnte Labe.Denn ihre höchste, heil’ge MutterpflichtEntzieht dem Sohn die treue Fürstin nicht;Nicht fremder Brust dankt er die Liebesgabe.
Wie so das Kind den Born des Lebens trinkt,Wankt eine Frau daher, die matten GliederIn dürft’ge Lumpen eingehüllt, und sinktOhnfern der hohen Dame kraftlos nieder.Ein Säugling schreit in ihrem Achselbund;Nach Nahrung stöhnt des armen Weibes Mund,Dann schließt in Ohnmacht sie die Augenlider.
Rasch eilet auf der edlen Frau GebotDie Magd mit Wein die Arme zu erquicken,Die schlägt die Augen auf und nimmt das BrotUnd deutet nach dem Kind auf ihrem Rücken.„Weh’ mir! das arme Würmlein unterliegt!Die Quelle meiner Brust ist heut’ versiegt.“So stammelt sie mit thränenschweren Blicken.
Die Fürstin reicht den Sohn der Zofe hinUnd leget schnell mit seligem GenügenAn ihre Brust das Kind der Bettlerin,Das trinkt den süßen Born mit gier’gen Zügen.O göttliches Gefühl, der Liebe Lohn,Die ihre Brust entzieht dem eignen SohnUnd läßt das Kind der Armuth daran liegen!
Viel große Thaten nennt das Weltgericht,Doch eine schön’re hab’ ich nicht gefunden,Und eine würd’gere für mein Gedicht.Das Herz, das solcher Liebe Kraft empfunden,Ist mehr als eine Fürstenkrone werth,Das sei mit einem Sternenkranz geehrt,Den ihm der Dichter ehrfurchtsvoll gewunden!
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