Die Kaiserin von Trapezunt

Die Kaiserin von Trapezunt.(1461.)Von Ludwig Storch.

Wer wandelt in des Tages erstem GrauDurch’s Thor der Sultanstadt? – Der hohen FrauWird feucht der Fuß vom Morgenthaue.Der Wind durchwühlt ihr härenes Gewand,Und eine Haue trägt sie in der Hand.Was will die Zarte mit der Haue?

Das ist kein Weib, das früh zu Acker geht!Das ist ein Weib voll ernster Majestät!Dort oben giebt’s kein Feld zu graben.Sie klimmt so still und düstern AngesichtsDen Felsenpfad zur Statt des Hochgerichts,Umkreist von Hunden und von Raben.

Im Westen hoch der Berge kahler Kranz,Im Osten tief die Thürme von ByzanzUnd der Propontis blauer Spiegel.Im Norden wälzt der enge BosporusDurch’s Felsenthor des Pontus schwarzen FlußVorbei der Stadt der sieben Hügel.

Sie steht am Ziel. Hier starrt das Blutgerüst,Auf dem ein Kaiserhaus erloschen ist,Zwei hohe Männer und acht Knaben.Am Boden liegt der Leichen bleiche Zahl.Dazwischen Haupt und Haupt, ein kostbar MahlDer gier’gen Hunde und der Raben.

Den Untergang des byzantinischen Reiches und die Hinrichtung seines verworfenen Herrscherstammes durch Mohammed II. erzählt ''[[Joseph von Hammer-Purgstall|Hammer]]'' in seiner Geschichte des Osmanischen Reiches ausführlich. Die beiden kaiserlichen Brüder, ein Neffe und die sieben Söhne des Kaisers wurden an einem Tage hingerichtet. Nur ein einziges Glied der trapezuntischen Herrscherfamilie, eine Frau, die Kaiserin Helene, litt und starb wie die Mutter der Maccabäer, standhaft und rühmlich. Trotz des Befehls des Tyrannen, daß Niemand es wage, sich den Leichnamen zu nahen, damit dieselben von Hunden und Raben zerfleischt würden, ging sie mit härnenen Kleid angethan und eine Haue in der Hand, zur Schädelstätte ihrer Kinder und Liebsten, grub eine Grube, wehrte den Tag hindurch die Hunde und das Gevögel ab, und begrub Nachts ihre zehn Liebsten, bis sie bald hernach von Schmerz überwältigt ihnen in’s Grab nachsank. {{idt2|50}}D. N.</ref>"}}" id="mwLw">Das Griechenreich und das von Trapezunt,Die Mutter und das Kind, vereint im Bund,Zerschlug die Türkenfaust in Scherben.Das ungeheure Trauerspiel ist aus,Und der Erobrer ließ das KaiserhausVom Beil des Henkers elend sterben.

Hier David, der zuletzt den Purpur trug,Den nach Johannes’ Tod mit List und LugDem Bruderssohne er entwendet;Alexios, sein Bruder, Beide feig,Verräther am Altar und Thron zugleich,Wie würdig haben sie geendet!

Und dort der Kaisersöhne reiche Zahl,Der, dem der Ohm des Vaters Krone stahl,und Davids eigner Söhne sieben,So liegen sie umarmt vom Todesschlaf. –Wie gestern sie der Schlag des Eisens traf,So sind sie unberührt gebliehen.

Denn Mohammed, der Mann der blut’gen That,Der dies Geschlecht mit stolzem Fuß zertrat,Verbot die Leichen zu begraben.Bei Todesstrafe, daß des Mitleids HandAuf sie nicht wirft die fromme Schaufel Sand!Den Hunden sind sie und den Raben.

Wie hat der Tod sie friedlich doch vereint,Nur von der Nacht mit Thränenthau beweint,Auf hartem blutgetränkten Bette!Des Sultans Spruch, dem Alles stumm sich beugt,Hat jeden Menschenfuß von hier verscheucht.Nur Hund und Rabe sind zur Stätte. –

Wer wandelt in des Tages erstem GrauAm öden Felsenberg? – Der stillen FrauWird feucht das Haupt vom Morgenthaue.Der Wind durchwühlt ihr härenes Gewand,Und eine Haue trägt sie in der Hand.Was will die Düstre mit der Haue?

Das ist kein Weib, das früh zu Acker geht!Das ist ein Weib voll hoher Majestät!Hier oben giebt’s kein Feld zu graben.Sie klimmt so schwer und trüben Angesichts,Den rauhen Pfad zur Statt des Hochgerichts,Umkreist von Hunden und von Raben.

Des Kaisers Ehgemahl von TrapezuntIst dieses Weib. Wie herrlich thut es kundIhr stolzes Auge ohne Thräne!Sie, die die blüh’nde Kinderschaar gebar,Die Treue hielt dem Throne, dem Altar,Sie ist’s, die Kaiserin Helene!

Sie tritt heran und wirft den trocknen BlickAuf’s Leichenfeld, auf ihr gemordet Glück,Auf ihre kalten stummen Knaben.Sie reihet Haupt an Haupt und Leib an Leib.Die Raben schrein; die Meute heult. Das WeibVerscheucht die Hunde und die Raben.

Die hohe Frau im fahlen MorgenlichtNun mit der Hau’ die harte Scholle brichtUnd hackt und wühlet Stund’ um Stunde.Kein Zucken ihres Munds verräth ihr Weh.Sie gräbt ein Grab, die neue Niobe,Und scheucht die Raben und die Hunde.

Die Sonne steigt und wirft den StrahlenbrandIhr auf das Haupt. Sie schaufelt mit der HandDie Erde aus der Gruft, die heiße.Die Meute schnappt und fetzt ihr das Gewand,Sie schützt die Leichen mit der treuen HandUnd nimmt nicht Trank und nimmt nicht Speise.

Da naht die Nacht, um die erhabne FrauMit weichem Hauche und mit kühlem ThauMild zu erquicken und zu laben.Sie schließt kein Aug’, nur kräft’ger ficht ihr Arm,Denn größer wird und toller schreit der SchwarmDer gier’gen Hunde und der Raben.

Sie schaufelt wieder, eh’ der Morgen graut,Sie hackt und gräbt bis daß der Abend thautUnd fertig sie das Grab gegraben.Dann legt die Leichen sie zur ew’gen RuhUnd schaufelt mit der müden Hand sie zu,Und kämpft mit Hunden und mit Raben.

Von seinen Schergen hat der PadischahErkundet, was das Volk am Berge sah.Er schweigt und wagt nicht sie zu stören.Denn eine Mutter, eine KaiserinBegräbt ihr Haus. Solch hohem FrauensinnVermag selbst Mohammed nicht zu wehren.

Weich auf den Todten liegen Erd’ und Nacht.Helene hat die letzte Pflicht vollbracht.Was wär’s, das ihr zu thun noch bliebe? –Sie senkt das Haupt und haucht die Seele aus. –So starb in Schuld und Schmach ein Kaiserhaus,Verklärt vom Abendroth der Liebe.

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