Goldene Verse

Translated from Ancient Greek by Hieronymus Schneeberger; P.-C. Lévesque

Die goldenen Sprüche des Pythagoras.

Erst verehr’ die unsterblichen Götter nach Ordnung des Ranges,Heilig halte den Eidschwur; dann die erlauchten HeroenUnd der Erde Dämonen verehr’ durch gesetzliches Handeln;Ehre der Aeltern Person und des Stammes nächste Verwandtschaft.

Den dir wähle zum Freund, der an Tugend weitaus der Beste;

Laß dich leiten durch sanftes Wort und nützende Thaten;Nie auch grolle dem Freund’ aus geringen Fehlers Verschulden,Wann nur immer du kannst; denn soll man, so kann man, was Pflicht ist.Das nun merke dir so; doch lerne dich so zu beherrschen:

Erst des Bauches Gelüst, die Schlafsucht und weichliche Wollust

Und des Zornes Gewalt. Treib’ weder allein noch mit And’renSchändliches je; vor Allen am meisten achte dich selber.Uebe sodann in Wort und That der Gerechtigkeit Tugend;Davor hüte dich wohl, daß ohne Bedacht dein Benehmen,

Sondern beherzige wohl, daß Alle dem Tode verfallen.

Bald auch erwirbst du das Gut, bald siehst du’s wieder entschwinden.Mag auch des Himmels Geschick den Sterblichen Leiden bescheren,Was dir beschieden als Theil, ertrag’ es willig, ohn’ Murren;

Lindern darfst du dein Loos, so du kannst; doch sollst du erwägen:

Nicht wohl beschert das Geschick der Leiden viele den Guten.

Viel des eitlen Gered’s und Worte besseren InhaltsHöret der Mensch; du leihe das Ohr nicht jeglicher Rede,Noch verschließ’ es jeglicher Red’. Wenn Lügen dich treffen,Dulde gelassenen Sinn’s. Erfülle, was nun ich dir sage,

Pünktlich. Weder das Wort noch die That des And’ren verleit’ dich,

Solches zu thun, zu reden, was wider dein besseres Wissen.Vor der That rathschlage mit dir, daß nicht albern sie werde;Handeln ohne Bedacht und Reden ist Sache des Gecken;Du vollbringe nur das, was später nicht Reue verursacht.

Nie betreibe, was über dein Wissen; jenes erlerne,

Was zum Frommen dir ist; und so wird süß dir das Leben.Noch auch versäume die Pflicht, des Leibes Wohl zu befördern;Doch mit Maß nimm Speise und Trank und übe den Körper,Das erkenn’ ich als recht, was nie dir Beschwerde verursacht.

Nie an Schmutz dich gewöhn’ im Leben, doch ohne zu schwelgen;

Hüte dich wohl, daß Solches du thust, was Neid dir verursacht.Meid’ unzeitigen Prunk, wie gemeine Seelen es pflegen;Meid auch schmutzigen Geiz; denn Maß ist bei Allem das Beste;Thue nur das, was nicht Schaden dir bringt; überleg’, eh’ du handelst.

Nie auch senke der Schlaf sich auf die matten Augen,

Ehe jegliches Werk des Tages du dreimal geprüfet:Wie ist gefehlt? was gethan? was wider die Pflicht unterlassen?Also beim ersten beginn’, so must’re sie durch bis zum letzten.Hast du Schlimmes verübt, bereu’ es; wenn Edeles, freu’ dich.

Deß bestrebe dich wohl, betreib’ es mit Sorgfalt und lieb’ es,

Solches wird dich geleiten zur Spur der göttlichen Tugend;Wahrlich, ich schwör’ es bei dem, der die Vierzahl einschuf der Seele,Ewigen Seins Urquell. Doch ehe das Werk du beginnest,

Fleh’ um gutes Gedeih’n zu den Göttern. Wenn das du errungen,

Dann erkennst du unsterblicher Götter und sterblicher Menschen

Wesen; auch, wie Alles zergeht und wie es regiert wird;Auch nach Gebühr erkennst du der Schöpfung allgleiche Gestaltung.Dann trügt nimmer dein Hoffen, da klar du Jegliches kennest,Dann erkennst du, daß eigene Schuld die Leiden bereitet,

Thoren, da nicht sie erkennen das Glück, ob auch Allen so nahe,

Noch es versteh’n; nur Wenige kennen des Uebels Erlösung.Solche Verblendung schadet der Menschen Sinn; gleich dem RadeEilen sie hierher und dorthin und finden der Leiden kein Ende.Denn es schadet versteckt die Zwietracht, die leid’ge Gefährtin;

Hüte dich wohl, sie je zu erwecken, entweich’ ihr und fliehe!

Vater Zeus! Unzähligen Leid’s wär’ Jeder entledigt,Wenn du uns lehrtest, was für ein Geist wohl Jeglichem eigen!Du verzage nicht, da ja göttlichen Stammes die Menschen;Ihnen erschließt die heil’ge Natur und lehret sie Alles.

Hast du Antheil daran, beherrschest du, was ich befohlen,

Wahrst auch geläuterten Sinn’s vor diesen Leiden die Seele.Doch der bezeichneten Speisen enthalt’ dich, prüfend in Weihen,Wann die Seele sich löst, erwäge jegliche Vorschrift,Stell’ an vorderster Reih’ die Vernunft als sichersten Lenker;

Wann du die Hülle gestreift, dich zum freien Aether emporschwingst,

Wirst unsterblich du sein, unvergänglichen, göttlichen Wesens.

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