Klage Maria Stuart’s beim Erwachen des Frühlings
Translated by Adolf Wilhelm Ernst von Winterfeld
Nun hängt auf jeden BlüthenbaumIhr grünes Kleid Natur,Und breitet, wie ein weißes Tuch,Maßliebchen auf die Flur;
5Die Sonne küßt den Silberstrom
Und glänzt am Himmelszelt;Doch Nichts erhellt die trübe Nacht,Die mich gefangen hält.
Die Lerche weckt den jungen Tag,
10"]}' id="mwLQ"> Auf thau’gem Flügelpaar,
Die Amsel lockt aus grüner WandDas Echo, hell und klar;Die Drossel singt mit hellem TonDen müden Tag zur Ruh’;
15In Lieb’ und Freiheit Alles schwelgt –
Gefangen bist nur Du! –
Nun blüht die Lilie auf dem FeldDie Primel an der Höh’Der Hagedorn treibt in dem Thal
20"]}' id="mwWQ"> Und milchweiß ist der Schleh.
Der schlechtste Knecht im SchottenlandTanzt froh im Abendthau;Doch ich – der Schotten Königin,Nur Kerkermauern schau’.
25In Frankreich war ich Königin,
Da lebt’ ich frei und froh,Stand glücklich jeden Morgen aufGing schlafen ebenso.[111] Nun herrsche ich im Schottenland,
30"]}' id="mwiw"> Umgeben von Verrath,
Und schmacht’ in fremden Banden hier,Die er geschmiedet hat.
Was Dich betrifft, Du falsches Weib,Du, Schwester mir und Feind,
35Die Rache wetzt ein Schwert Dir doch –
Und Niemand Dich beweint!Den schönsten Schatz der FrauenbrustHast niemals Du gekannt;Noch ist der Balsam tiefen Weh’s
40"]}' id="mwtw"> Vom Aug’ Dir je gerannt.
Mein Sohn! mein Sohn! O freundlicherSei Dir des Schicksals Schein!Mög’ freundlicher Dein Regiment,Als, ach, das meine sein!
45Gott schütz’ vor meinen Feinden Dich,
Halt’ Dich von eignen frei;Doch, wenn Du meine Freunde triffst,Lohn’ ihnen ihre Treu’
O, bald, küßt mich der Morgenstrahl
50"]}' id="mw5A"> Nicht mehr vom Lager wach;
Schau’ das bewegte Korn nicht mehrAm schönen Sommertag!Und in des Todes engem HausBricht bald mein Lebensstab,
55Des Frühlings erste Blumen blüh’n,
Auf meinem stillen Grab.
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