An das Jahr
[18]An das Jahr.
Du bringst den Lenz, der alles fahleGezweig in grüne Schleier hüllt,Der über Nacht uns alle ThaleMit Blüthenschnee auf Wochen füllt;
5Du bringst der Falter bunte Schwingen,
Der Maienglöckchen feinen Duft,Des Lerchenwirbels NiederklingenAus blauer, wolkenloser Luft.
Du wirst in Schweiß die Stirnen baden,
10Wenn rings des Mähers Sense blinkt,
Wenn das gereifte Korn in SchwadenZur Erde rauschend niedersinkt;Du heißest in die Scheuern führenDer unverdrossnen Mühe Lohn,
15Du hängst uns über alle Thüren
Den Erntekranz aus wildem Mohn.
Du färbst das satte Grün der WälderIn Purpur um und Gold und Rost,Du füllst die Bütten und die Kelter
20Mit Trauben an und süßem Most;
Du bringst die Klarheit und das Schweigen,Der schnellen Wandervögel Rast,Du streifst von tiefgesenkten ZweigenDer rothgewangten Früchte Last.
25[19] Du zauberst Blumen an die Scheiben,
Du schlägst uns auf ein ernstes Buch,Du webst in stillgeschäft’gem TreibenDer Saat ein weiches, warmes Tuch;Du giebst von Stahl dem Fuße Flügel,
30Du formst in Knabenhand den Ball –
Du sendest über Thal und HügelDer Weihnachtsglocken Friedenshall.
Doch – wolle mild dich auch erbarmenDes Sklaven in der Mühsal Haft,
35Der Tag und Nacht mit nerv’gen Armen
Um kargen Lohn verzweifelt schafft,Der düster, in verbissnem Schweigen,An der Maschine Kreisen steht,An dem des Jahres Zauberreigen
40Fast ungesehn vorübergeht.
Du siehst, erlahmen und ermattenMuß in dem Einerlei sein Hirn;Leg’ deine kühlsten WaldesschattenAuf seine heiße, müde Stirn;
45Laß deine reinsten Höhenlüfte
Erquicken die gepreßte BrustUnd spende ihm die Rosendüfte,Das Lerchenlied der Sommerlust!
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