Das Jahr

[38]Das Jahr.

Ob Sonnenschein den Lenztag auch erfüllt,Noch weht’s von Ost und jagt den feinen Staub,Und in der Knospe zögert scheu verhülltDas junge Laub.

5Da geht der Wind, indeß ums Abendlicht

Ein Schleier weht, herum nach Westen sacht –Es regnet warm, es regnet still und dichtDie lange Nacht.

Aus seiner Hülle ringt vor diesem Kuß

10Das Blättchen sich in zärtlichem Bemühn,

Und an dem Morgen nach dem nächt’gen GußIst Alles grün.

[39] Der Tag ist schwül – von Tropfen perlt die Stirn,

Verschmachten will die Welt im Sonnenbrand,

15Die Lippe lechzt, gelähmt ist das Gehirn

Und schlaff die Hand.

Da baut sich’s auf, gespenstisch, ohne Ton –Geschwader jagen in die Wolkenschlacht;Der Donner rollt und fahle Blitze lohn

20Die lange Nacht.

Den Boden tränkt und labt der nächt’ge Graus,Das Wiesenthal, den Hag, den busch’gen Bühl,Und trittst am Morgen spähend du hinaus,Ist Alles kühl.

25Die Nebel treiben dicht und gelblich grau

In Wald und Feld verdrossen sich umher –Sie gönnen deinem Blick kein Stückchen BlauDes Himmels mehr.

Da fährt’s in kurzen Stößen in den Wust,

30Da kreischt die rost’ge Fahne auf dem Thurm,

Da heult und tobt und braust in wilder LustDes Herbstes Sturm.

Zerblasen wird, was dir ein HindernißBei jedem deiner Athemzüge war –

35Nach solchen Nächten, dessen sei gewiß,

Ist Alles klar.

Frosthart die Erde, blätterlos der Forst,Und schneidend geht die Luft durch Mark und Bein;Die Krähe zieht mit Hungerschrei vom Horst

40Zur Stadt hinein.

[40] Da treiben, sichtbar kaum, im scharfen Wind

Die Federflöckchen leicht und zart und irrUnd endlich schneit es rastlos, grau und lindUnd stumm und wirr.

45Die warme Decke breitet still und dicht

Der Winter übers Land, wie auf Geheiß,Und in des nächsten Morgens mattem LichtIst Alles weiß.

Ich sagte gerne: „Siehe da, ein Bild

50Des Daseins, das uns das Geschick verleiht,

Es löst und hebt sich Alles friedlich mildZu seiner Zeit.“

Mir fehlt der Muth, der solche Worte schreibt;Oft bleibt der Regen und des Sturms Gebraus,

55Oft bleibt des Wetters Flammen und es bleibt

Der Schnee selbst aus.

Das aber weiß ich: Was Erlösung jeVon dumpfem Druck, von Kampf und Qual gebracht,Von starrer Pein und wortelosem Weh,

60Kam – über Nacht.

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