Der Frühling (Lavant)

[5]Der Frühling.

Gehst du im frühen Lenze durch den Wald,Des Lebens froh im erst so stillen Reiche,So hasten sinnend deine Blicke baldAm frischen Wuchs der nächsten jungen Eiche;

5Denn neben zarten Laubes grünem Braun,

Das aus den Knospen bricht in krauser Fülle,Ist fahles Laub an jedem Zweig zu schau’n –Vom letzten Jahr die abgestorbne Hülle.

Es haftet fest und zäh an seinem Ort,

10Es sträubt verdrossen sich und will nicht weichen;

Nur ab und zu führt lose Blätter fortDer laue Frühlingswind als Siegeszeichen,

[6] Und eh’ am Boden und auf Weihers Grund

Das letzte Blatt vermodert und verrottet,

15Hat raschelnd es das Blühen in der Rund’,

Hat es den Frühling hundertmal verspottet.

Und soll das fahle, winterliche LaubNicht bis zum Sommer seinen Platz bewahren,So muß mit sieghaft-fröhlichem Geschnaub

20Der Frühlingssturm durch alle Wipfel fahren.

Das thut es nicht, das kosend-linde Wehn,Vor dem die Knospen aller Blumen springen;Vor sanftem Hauch wird welkes Laub bestehn –Der Sturm allein kann grüne Eichen bringen!

25Und niederrauschen muß in warmer Nacht

Der Regen auch in dichten schweren Güssen;Dann wird das Laub, das zagend sich und sachtHerausgewagt, gewaltig wachsen müssen.Dann hat für Welkes keinen Platz der Baum,

30Er kann’s nicht länger neben Grünem tragen –

Zu bloßem Spuk, zu bloßem bangen TraumWird jenes für den Wald nach wenig Tagen.

Und ist es anders wohl in der Natur,Als in der Völker, in der Menschheit Leben?

35Des Neuen spottet oft des Alten Spur,

Das trotzig sucht am alten Ort zu kleben,Und in den Frühling einer neuen ZeitSiehst du, gespenstisch fast, das Alte ragenUnd höhnend macht ein Überrest sich breit

40Aus längst vergangnen, überwundnen Tagen.

[7] Da gilt es auch, mit froher Sturmesmacht

Hinwegzufegen, was da hemmt das Sprießen,Mit milder Fluth in lauer FrühlingsnachtDas junge Laub, das zage, zu begießen;

45Und kam nach langer winterlicher Noth

Herauf des Jahres heißersehnte Wende,So sei auch aufgeräumt mit dem, was todt,Und nicht verzögert sei des Alten Ende!

Die Zeit verlangt ein männlich-kühnes Wort –

50Ihr frommen nicht die Halben und die Lauen,

Die rechts und links bedenklich immerfort,Die vor- und rückwärts ängstlich-zaudernd schauen.In unsre Zelte laden die wir ein,Die’s mit dem Neuen treu und ehrlich halten;

55Wir werden Sturm und warmer Regen sein –

Dem Neuen Freund, doch Feind dem Todten, Alten!

Comments

Loading comments…