Des Deutschen Lebenslauf

[108] Des Deutschen Lebenslauf

In Deutschland hat in stiller NachtIhn die Mama zur Welt gebracht,Denn das erlaubt – wir sind ja frei –Die hohe deutsche Polizei.

5Als er sodann ins dritte Jahr

Mit Ach und Krach gekommen war,Beschenkte man den kleinen SchelmBereits mit Flinte, Schwert und Helm;Und er erfuhr – zu rechter Zeit –

10Bei dieser Festgelegenheit

Durch Vaterworte voll Gewicht,Was eines Deutschen erste Pflicht.Es ward geschickt zur Schule dannDer ahnungslose kleine Mann,

15Wo man ihn gründlich eingeweiht

In Deutschlands Macht und HerrlichkeitUnd wo das Nöt’ge er erfuhrVon unsrer sittlichen NaturUnd von der Fülle von Gemüt

20Und Treue, die in Deutschland blüht,

Indes die ganze andre WeltIn Schmutz und Dummheit sich erhält.Was in der Lehre er gelernt,Hat zwar fürs Leben nicht entfernt

25Und für die Praxis ausgereicht;

Doch nahm er solches Manko leicht,Denn bald darauf ward er Soldat,Den oft man auf die Beine tratUnd den mit Umsicht und Bedacht

30Zu einem Menschen man gemacht.

Nach ein’ger Zeit, wie man’s so treibt,Hat er sich regelrecht beweibt

[109] Und mit der Liebsten bis zuletzt

Sechs Kinder in die Welt gesetzt,

35Auch unter manchem Schicksalsschlag

Sich abgerackert Nacht und Tag.Es hungert sich zur Not ganz leicht,Wenn es nur für die Steuern reicht;Genügt’s doch, daß man mit Gewalt

40Den Schmachtriem’ etwas enger schnallt.

Nun denkt er mit gerechtem StolzDes Schlafrocks wohl aus Fichtenholz,Weil ehrlich sein Gewerb er triebUnd Steuern niemals schuldig blieb;

45Und weil in Frieden der verfault,

Der nie gemurrt und nie gemault.

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