Eine Alltagsgeschichte
Eine Alltagsgeschichte.
Ein Vorstadthaus und unterm DachEin kleines, dürftiges Gemach.Stumm übers Surren der MaschineBeugt sich mit stillverhärmter Miene
Ein Mädchen jung und schlank und zart,
Geknickt von rauher Lebensfahrt,Und lauscht in schmerzlichen GedankenDen Athemzügen einer Kranken.
Des Abends bleiches Flackerlicht
Zuckt über ein vergrämt Gesicht,
Von dem mit kühlem Mund der TodSchon weggeküßt das letzte Roth,Und wie sich’s in die Kissen schmiegt,In denen stumm die Kranke liegt,
So kann kein Auge unterscheiden,
Wer wohl das Weißere von Beiden.
Und draußen durch die Gassen schweiftDer wilde Sturm und heult und pfeift!Er wirft in seinem tollen Treiben
Den Schnee in Stößen an die Scheiben;
Er rüttelt wie ein wildes ThierAn morschen Rahmen dort und hierAn einem altersschwachen Riegel,Und droht des Dach’s zerbrochne Ziegel,
Die nur mit Mühe widersteh’n,
Bis auf den letzten fortzuweh’n.
Empor aus halbem Schlafe schricktDie kranke Mutter. Fragend blicktUnd suchend sie umher im Zimmer,
Erhellt vom letzten Abendschimmer,
Und fragend irrt und wie ein Hauch,Voll Innigkeit, doch ängstlich auch,Durch das Gesurr das eine WortZur ältern Schwester: „Else fort?“
Da hat die flinke Nadel Rast ―
Ans Bett der Mutter fliegt in HastDie Emsige und beugt sich niederUnd flüstert sanft: „Gleich kommt sie wieder.Was wir geschafft in diesen Tagen,
Hat sie zum Kaufmann hingetragen.
Ich ließ sie gehen, da ihr’s frommt,Wenn an die Luft die Arme kommt;Das Hemdennähen Stich um StichIst sie noch nicht gewöhnt wie ich
Und oft will die Geduld ihr schwinden,
Doch mit der Zeit wird sich das finden.Ich weiß, wie mir der Zeiger krochZuerst ― und dann, dann gab sich’s doch!“
Da naht’s, halb Schritt und halb im Lauf,
Die Kammerthüre stößt es auf
Und springt ins Zimmer, wie ein Reh,Und schüttelt lächelnd ab den SchneeMit einem Ruck dann von der HülleDer braunen, krausen Lockenfülle,
Und eine dichtbeschneite Last
Wirft’s auf den Tisch in froher HastUnd sprudelt ungestüm heraus:„Nun ist die ärgste Plage aus!Auf ein paar Wochen ist’s vorbei
Mit dieser Hemdennäherei,
Die langsam mich um den VerstandGebracht und an des Wahnsinns Rand.Mit diesen Säumen, diesen FaltenWar es nicht länger auszuhalten;
Man muß dabei zu Grunde gehn!
Das hat der Kaufmann eingesehn;Er meinte: „Schad’ ums junge Leben!“Und ― Schürzen hat er mir gegeben,Adrette Schürzchen, klein und groß ―
Da habt ihr einen ganzen Stoß!
Ich denke doch, das soll genügen.Nun schaff’ ich wieder mit Vergnügen,Der Gang, der hat uns Glück gebracht ―Sagt, hab’ ich das nicht gut gemacht?“
Und Else sieht sich lächelnd um,
Doch die Gefragten bleiben stumm;Ein matter Seufzer, hörbar kaum,Irrt flüchtig durch den kleinen Raum,Und ein erschrockenes Erbleichen
Will von der Schwester Stirn nicht weichen.
Was sie dann sagt, klingt sanft und gut,Doch hoffnungslos und ohne Muth:„Ja, Kind, das möchte Alles sein;Das Hemdennäh’n bringt wenig ein,
Es ist ein kümmerlicher Lohn,
Indeß zum Leben reicht er schon,Wenn wir genug die Nächte kürzen,Doch reicht er nimmermehr bei Schürzen.Wie wir das Dasein fristen sollen
Wenn wir uns dazu wenden wollen,
Und wär’s ein Dasein noch so schlichtUnd arm ― mein Kind, das weiß ich nicht.Warum hast du mich nicht gefragt?Das hätt’ ich offen dir gesagt,
Daß uns die Arbeit vorgeschrieben
Und daß uns keine Wahl geblieben.Umsonst, nach Rettung auszuspäh’n ―Wir, Kind, wir müssen Hemden näh’n.“
Die Kleine, erst ein Bild der Lust,
Senkt tief das Köpfchen auf die Brust
Und schwere, bitt’re Thränen rollenAus ihrem Aug’, dem kummervollen.Sie bittet leis: „Nicht böse sein!Ich seh’ ja meinen Fehler ein,
Und was dir Uebereilung scheint,
War doch von mir so gut gemeint.“Und zärtlich küßt von HerzensgrundHelene sie auf Stirn und MundUnd ihre Hand streicht fort und fort
Ihr über’s Köpfchen ohne Wort,
Als trachte sie, was sie gelitten,Ihr schweigend wieder abzubitten.Dann setzt ihr Fuß das Rad in Lauf,Sie nimmt die Arbeit wieder auf;
Und als sie so sich wieder fand,
Nimmt Else auch ein Hemd zur Hand,Und stillgefaßt und ohne MurrenLäßt sie das Rädchen hastig surren.Zuweilen nur belauscht verstohlen
Ihr Ohr der Mutter Athemholen.
Geborgen in der Träume Hafen,Scheint süß die Leidende zu schlafen,Als habe von der Qual und Noth,Der Sorge um das trock’ne Brot,
Die ihre Kinder so verstört,
Im Schlummer sie kein Wort gehört.* * *Der Zeiger weist auf Mitternacht,Da ist die Kranke aufgewacht;Mit einer Stimme, schwach von Leiden,
Mahnt liebevoll ihr Mund die Beiden,
Nun endlich auch zur Ruh’ zu gehn,Doch nach dem Feuer noch zu sehn,Daß sich die Wärme nicht verliere ―Es sei so bitter kalt, sie friere.
Der Blick Helenes streift verstohlen
Den dürft’gen Rest der theuren Kohlen,Doch greift zur Schaufel ihre HandUnd nährt und schürt geschickt den Brand,Bevor sie übers Bett der Kranken
Sich beugt in schmerzlichen Gedanken,
Um ihr, die Härtestes getragen,Mit einem Kuß Gut’ Nacht zu sagen.Die Mutter zieht sie zu sich nieder,Küßt innig wieder sie und wieder,
Und wendet dann zu Else sich
Mit gleicher Inbrunst mütterlich,Als gelte es ein herbes ScheidenFür lange Monden von den Beiden.* * *Und immer tiefer sinkt die Nacht,
Die kranke Mutter aber wacht,
Und plötzlich schleicht sie sich verstohlenZum Ofen hin auf leisen Sohlen;Sie macht sich schweigend mit der schlaffenUnd welken Hand am Rohr zu schaffen.
Drauf streckt sie sich aufs Lager nieder,
Und tiefe Ruh’ umfängt die Glieder.* * *Es fällt der Nachbarschaft im LaufDes Vormittags die Stille auf,Man klopft, es gibt kein Laut sich kund;
Geschäftig geht’s von Mund zu Mund:
„Ein Unglück! Schnell zur Polizei,Und holt den Schlosser auch herbei!“
Nur wenig Müh’ hat seine Kunst;Das Zimmer ist voll Kohlendunst;
Gar reiche Ernte hielt der Tod,
Doch bannte er auch alle Noth,Denn allem Leid, das sie gedrückt,Sind Drei auf immerdar entrückt.R.L.
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