Festgesang
[7]Festgesang.
Das wäre nicht die rechte Freude,Die vor dem Ernst so völlig schützt,Daß Mancher sinnend nicht auch heuteDas Haupt in seine Rechte stützt,
5Daß nicht ein Tropfen Zorn und Trauer
Ihm in den Kelch des Jubels fällt,Daß es ins Ohr ihm nicht wie rauerUnd wilder Ruf zum Kampfe gellt.
[8] „Wie Ruf zum Kampf?“ Als ob in Waffen
10Die Welt nicht aller Orten starrt!
Die Klinge saust, die Wunden klaffenUnd unsre Zeit ist streng und hart.Wohl herrscht für lange Jahre FriedenIm Geistesreich und tiefe Ruh –
15Uns aber ward der Kampf beschieden
Und der Entscheidung treibt er zu.
Es ist im Reiche der GedankenWie nie zuvor entbrannt der StreitUnd auch die stärksten Säulen wanken
20Am Glaubensbau der alten Zeit.
Es schmilzt das Bild der alten NormenIn Zweifelsgluthen und zerfließt,Damit das Erz in neue FormenDer Geist der Menschheit wieder gießt.
25Die alten Träume abzustreifen,
Ist immer schwer und immer Schmerz,Und dennoch gilt’s: Partei ergreifenMit Hand und Mund, mit Kopf und Herz.Die Noth der Zeit erlaubt kein Säumen
30Und scheucht uns fort vom warmen Herd
Und schreckt uns auf aus sanften TräumenUnd drückt uns in die Hand das Schwert.
Vor diesem Kampf und seinen Sorgen,Vor seinem Lied und seiner Pein,
35Kann nur ein kaltes Herz geborgen,
Ein stumpfer Sinn behütet sein.
[9] Wer aber bricht bei diesem Ringen
Die Bahn in stolzem, treuem Muth?Wer muß die schwersten Opfer bringen?
40Der vierte Stand – die Vorderhut!
Die Fahne, die dem dritten StandeVorangeweht bei kühner That,Er gab sie preis zu seiner SchandeDurch feigen, tückischen Verrath.
45Sie lag im Staub – zerfetzt und blutig
Das Bannertuch, geknickt der Schaft –Da aber hat sie todesmuthigDer vierte Stand emporgerafft.
Er läßt im Winde rauschend wehen
50Die heil’ge Fahne „Ideal,“
Und wird mit ihr im Kampfe stehenUnd schirmen sie mit blankem Stahl.Er wird sie fest und sicher halten,Und wenn die Freiheit doch verdirbt,
55So hüllt er trotzig in die Falten
Des heil’gen Banners sich und – stirbt.
Er wird nicht sterben, er wird siegen!Vorbei der Lüge finstre Zeit,Und ewig kann nicht unterliegen
60Auf Erden die Gerechtigkeit!
Wie Fischer einst zu großen DingenDer Nazarener ausgesandt,So ist zu herrlichstem VollbringenErkoren jetzt der letzte Stand.
65[10] Wir stehn im ersten Morgengrauen,
Und kalt ist Alles, trüb und feucht –Wer aber wird die Sonne schauen,Die alle Schatten strahlend scheucht?Wir streu’n die Saat: Von unsern Söhnen
70Wird einst die Ernte eingebracht –
Das ist es, was bei JubeltönenSo Manchen ernst auch heute macht!
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