Frühling (Lavant)
Frühling.
Erwartungsvoll, ob schon die Amsel pfeife,Ob nach dem Regen Grün hervorgekommen,Hab’ ich gemächlich schlendernd eine StreifeIm kahlen Laubwald einsam vorgenommen.
5Ich sah ihn kürzlich noch in Schnee und Eise,
Als rauh daher von Nord die Winde fuhren:Nun träumt’ er noch und athmete noch leise,Doch überall fand ich des Frühlings Spuren.
In alle Zweige war der Saft gestiegen,
10Man sah, daß Blättchen in den Knospen schliefen;
Es schien ein röthlich-warmer Ton zu liegenAuf all’ den Stämmen in des Waldes Tiefen;Es grüßte mich herüber aus den AuenDas matte Gelb, das freundliche, der Weide
15Und jeder Busch am Wasser war zu schauen
Voll silbergrauer Kätzchen, weich wie Seide.
Und da und dort hob aus dem dunklen GrundeBescheiden sich des Schnees SterbeglöckchenUnd grüßte lieb und schüchtern in die Runde
20In seinem weißen, grüngestreiften Röckchen;
Und daß im stillen, wintermüden ReicheAuch nicht der Klang, auch nicht die Stimme fehle,Sang in dem höchsten Wipfel einer EicheEin Vogel, weiß von Brust und weiß von Kehle.
25Er saß so recht im warmen Sonnenscheine
Auf schwankem Aestchen, mit den kleinen FüßenEs fest umklammernd, und der tapfre KleineSchien mir den Frühling jubelnd zu begrüßen.Ihm war vor Wintersturm und Wintergrimme
30Beim warmen Sonnenkuß nicht länger bange
Und immer heller, lauter ward die Stimme,Und seiner schlichten Weise lauscht’ ich lange.
Und als ich heimwärts schritt im Abendgrauen,Verloren sich von meiner Stirn die Falten.
35Ich sagte mir: „Ist wenig auch zu schauen ―
Der Lenz ist dennoch nicht mehr aufzuhalten!Sieghaft und glorreich wird es sich vollenden,Das jetzt beginnt, das Knospen und das Sprießen,Bis die belaubten Kronen aller Enden
40Zu grünem Dome sich zusammenschließen.“
Und rastlos weiter hab’ ich dann gesonnen:„Bis Frühlingsanfang sind auch wir gediehen.Der große Völkerlenz ― er hat begonnenUnd sieghaft, glorreich wird er sich vollziehen;
45Denn Grimm und Tücke wird an ihm zu Schanden;
Wie sie sich stemmen auch ― wir werden’s zwingenUnd in gewalt’gem Chor in allen LandenDas Hohelied des Rechts, der Freiheit singen!“R.L.
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