Gegenwart und Zukunft

[97] Gegenwart und Zukunft.

Mit Waffenklirren und mit VölkerstreitUnd Ränkespiel erfüllen sie die Zeit,Mit stetem Hader um des Nachbars Habe,Und jeder wähnt, daß, wenn er einst entschlief,

5In ihre Tafeln die Geschichte tief

Mit ehr’nem Griffel seinen Namen grabe.

[98] Doch die Geschichte hat für solchen Wahn

Ein bittres Lächeln nur – die LebensbahnDer Stolzen führt in Nebel und Vergessen.

10Ein Monument sogar von Erz und Stein

Kann sie nicht schützen, denn wie sind sie klein,Wenn man an wahrhaft Großem sie gemessen!

Nein, die Geschichte hält beim Lebenslauf,Bei den Intriguen derer sich nicht auf,

15Die der Poeten Sippe angeleyert;

Doch stützt die Stirn sie lange in die HandWenn sie verzeichnet, daß in jedem LandAn einem Tag der Arbeit Volk gefeiert.

Vor solchem Schauspiel macht sie sinnend Halt;

20Es packt sie mit bezwingender Gewalt,

Und zu verstehen es, ist ihr Bestreben.Sie fragt: Und mußte der Gesellschaft Bau,Der morsch geworden längst und altersgrauNicht ahnungsvoll in allen Fugen beben?

25Jawohl, er hat gebebt – ein Zittern tief,

Ein dumpfes Schüttern und Erbeben liefVom Grund zum Dach durch’s bröckelnde Gemäuer;Jawohl, die Wissenden in der GewaltHat es durchschauert ahnungsvoll und kalt

30Bei dieser schlichten, imposanten Feier.

Wohl war es stolze, ungewohnte Schau!Die Lande alle zwischen Trent und Drau,Was zwischen Ebro liegt und den Fjorden,

[99] Durchlief der Mahnruf und man fragte nicht,

35In welcher Sprache wohl der Bruder spricht

Und ganz Europa war ein Reich geworden.

Der Haß ist nicht die Mauer, die er scheint,Wenn lang Verfeindete in Frieden eintEin Hochgefühl, ein führender Gedanke,

40Wenn dem Vertrauen die Verblendung weicht

Und brüderlich die Hand dem Pommer reichtVon der Garonne Weingeländ’ der Franke.

Und der Gedanke, der sie all’ erfaßt:„Acht Stunden Arbeitszeit, acht Stunden Rast,

45Acht Stunden Schlaf bedingt ein Menschenleben!“ –

Er mag euch noch so sehr zuwider sein –Ihr lullt und schläfert nie ihn wieder ein,Und diesen Riß wird keine Kunst verkleben.

Und ob’s euch grimmen und verdrießen mag –

50Wir feiern fort den schönen Maientag,

Bis ihr erfüllt, was unser Recht auf Erden;Bis ihr der Pflicht der Menschlichkeit genügt,Bis ihr euch dieser Forderung gefügt,Wird sie gestellt vor ganz Europa werden.

55Und ist erstritten trotz der Gegenwehr

Von Fels zu Fels zuletzt, von Meer zu Meer,Was wir erbitten nicht, was wir verlangen,Und athmet auf das seufzende Geschlecht,Dann wird in tiefem Dankgefühl erst recht

60Der erste Mai als Feiertag begangen!

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