Kämpferloos
[33]Kämpferloos.
Seit aus der Kindheit unbestimmtem DämmernIch in die Klarheit der Erkenntnis trat,Seit ich geschaut mit junger Schläfe Hämmern,Von Gram durchbebt, die finstre Sphinx, den Staat,
5Seit ich gelernt, wie man ein Schwert sich schmiede,
Seit Farben ich und Fahne mir gewählt,Floh, wie in Angst, mich Tag und Nacht der Friede,Dem sich so gern die Seele doch vermählt.
Er ward zum Traum, zum Luftschloß goldenzinnig,
10Das lächelnd man in müß’ger Stunde baut,
Ein Zukunftsbild, wie ahnungsvoll und sinnigEin Mädchen es beim Abendläuten schaut,Ein Spuk, der spottend uns an LagerfeuernMit unsrer Heimath Lieblingsplätzen neckt,
15Bevor des Tages rosig Sicherneuern
Uns rauh und streng mit Trommelwirbeln weckt.
[34] Erkennen heißt: ein Kämpferloos erküren,
Wenn rasch und kräftig deines Herzens Schlag,Wenn dich der Aermsten bittre Noth zu rühren,
20Wenn Unrecht zu erbittern dich vermag,
Wenn dich’s bei eines Freiheitsliedes WeisenWie wilder Rosen linder Duft umweht,Wenn still und klar auf deinen LebensreisenDer Stern der Wahrheit dir zu Häupten steht.
25Und nicht bloß trotzen heißt’s den Feuerröhren,
Die ihren Strahl nach deinem Herzen sprühn,Es heißt zugleich zur Minderheit gehören,Es heißt zugleich, für „Wahngedanken" glühn;Es heißt zugleich, auf sich die Flüche laden
30Der Blinden alle, die da arm im Geist,
Es heißt zugleich, bei dem gerad sich schaden,Dem man den Weg in schönre Lande weist.
Was du auch thust, du wirst, du kannst der HetzeDer Bosheit und der Dummheit nicht entgehn;
35Sie schlafen nie, und außer dem Gesetze,
In Bann und Acht wirst du vereinsamt stehn,Und wenn um dich den rothen Mantel schlagenDes Scheiterhaufens Flammen, wird zum SchlußHerbei ihr Scheit die fromme Einfalt tragen
40Wie bei dem Tod des Böhmenketzers Huß.
Du wirst an hohen Fest- und Freudentagen,Wenn Fahnen rings und Laubgewinde wehn,Dich achselzuckend in die Büsche schlagen –Du wirst dein Volk, es wird dich nicht verstehn.
45[35] Du schaust mit kühler, spöttischer Geberde,
Verschränkten Arms und in Gedanken drein,Du möchtest nicht für alles Gold der ErdeEin Glied der Masse, die da jubelt, sein.
Du hast nur wenig Freunde und Genossen,
50Die dir gesellt ein stummer Druck der Hand,
Du hast kein Heim für deine zarten SprossenUnd, geht es schlimm, sogar kein Vaterland.Du bist der Welt ein warnendes Exempel,Und jeder Gimpel ohne Herz und Hirn
55Drückt ungestraft des Narrenthumes Stempel,
Das Kainszeichen selbst auf deine Stirn.
Der zarte Strauß, den in geweihten Stunden,Vom grünen Eichwald feierlich umbraust,Aus wilden Blumen sinnend du gewunden,
60Er wird von roher Bubenhand zerzaust.
Laß immerhin in dir Gedanken reifen,Wie nur der Reinsten Hand der Zeit sie bot –Die edelsten der Lichtgedanken schleifenSie johlend doch und pfeifend durch den Koth.
65Sei makellos im Reden und im Wandeln,
Der Menge wird mit Zetern doch gelehrt,Du seist verderbt im Denken wie im Handeln,Von scheelem Neid und wilder Gier verzehrt.Und die es noch am besten mit dir meinen,
70Sie sind noch schlimmer als die Feinde fast;
Sie sagen bittend: „Werft doch nicht mit Steinen –Er ist ein harmlos-träumender Phantast!"
[36] Und doch und doch – mein Mund verschmäht die Klage,
Es hat mein Herz an Kleinmuth nie gekrankt.
75Wohl kamen düstre, bitter-schwere Tage,
Doch hab’ ich nie gezaudert und geschwankt.Ja schüfe selbst ein ehern SchicksalswaltenVerewigung des Unrechts und der Noth –Ich würde doch zu meiner Fahne halten
80Und meine Farben tragen noch im Tod! –
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