Ludwig Uhland (Gedicht)
[25] Ludwig Uhland
Wenn heut der kernig treue Schwabe,Der Mann von klarem, starkem Geist,Emporgewallt aus seinem Grabe,Vernähme, wie ihn Deutschland preist,
5Er fühlte schwerlich sich gefeiert
Und spräche ernst, bestimmt und schlicht:„Der Mann, vor dessen Bild ihr leiert,Wer es auch sei, ich bin es nicht!"
Und wider sie, die so geschäftig
10Den Demokraten ausgebeint,
Daß jedes Zugs, der frei und kräftigUnd mutig, er entkleidet scheint,Erhöbe in gerechtem GrimmeAls Zeugnis er sein Liederbuch
15Und schleuderte mit lauter Stimme
Dann wider sie „des Sängers Fluch".
Ihr habt an ihm herumgedrechselt,Herumgeschnitzelt und gedreht,Daß er zuletzt wie ausgewechselt
20Als Zerrbild vor dem Volke steht:
Aus ihm, der aus gepreßter KehleDas Lied sang von der Völkerschlacht,Habt ihr die richt’ge KautschukseeleNach Tübinger Modell gemacht.
25Muß jeder ganze Mann auf Erden,
Den großer Tage Sturm erfaßt,Verhunzt, verzerrt, verkleinert werden,Bis er zu euch am Ende paßt?Ist euch kein Haupt so hoch gefürstet
30[26]Durch Adel, den kein Fürst verliehn,
Daß ihr nicht rastlos danach dürstet,Es zu euch selbst hinabzuziehn?
Doch wird es nie und nie gelingen,Und wenn ihr dicke Bände sprecht!
35Er ließ zuerst die Leier klingen,
Die goldne, für des Volkes Recht;Er hat die scharfen Liederfehden,Den Groll, den Zorn dem Volk gelehrt –Ein Ruhm, den ihr durch tausend Reden
40Nicht wieder in den Winkel kehrt!
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