Mein kleiner Bube
[150] Mein kleiner Bube.
Sie wissen nicht, wie oft ich steheDes Nachts an seiner Lagerstatt,Und wie ein seltsam-süßes WeheMich jedesmal ergriffen hat,
5Wenn auf des kleinen Schläfers Wangen
Sich weich die seidne Wimper schmiegt,Wenn er, in holdem Traum befangen,In seinen weißen Kissen liegt.
Wie ruhet er in sanftem Schlummer,
10Als könne auf der Lebensbahn
Mit seiner dunklen Macht der KummerDem ros’gen Schläfer nimmer nahn!
[151]Es kommen dunkle, weiche, irre
Und sanfte Laute, hörbar kaum,
15Von seinen Lippen, fast als girre
Ein Vögelchen in halbem Traum.
Und wenn, des Spieles müde, leiseDer Knabe an mein Knie sich schmiegt,Wenn still auf meiner Hand die heiße,
20Die dunkelrothe Wange liegt,
Wenn er mit unverdroßnem QuälenMein Lesen und mein Sinnen stört,Bis seine Bitte, zu erzählen,Dem kleinen Schmeichler ich erhört. –
25Wie ist er lieb und gut! Wie schauen
Den märchenkund’gen Vater dannIn frohem, hoffendem VertrauenDie großen blauen Augen an!Dann denk’ ich wohl: Er soll nicht weinen,
30Weil strenge er und rau mich fand!
Und aus der Stirne streicht dem KleinenDie wirren Locken meine Hand.
Und kann er mir zur Seite schreitenIn Sonnenbrand und Sturmgebraus,
35Dann soll er fröhlich mich begleiten
Ins Feld und in den Forst hinaus,Dann will ich sorgen, daß er lerneDer Vögel Ruf und ihre ArtUnd wie das bunte Heer der Sterne
40Zu Bildern sich am Himmel schaart.
[152]Er soll die Bäume unterscheiden
Nach ihrer Laub- und NadeltrachtUnd seine jungen Augen weidenAn unsrer Falter Farbenpracht,
45Er soll mir jede Blume kennen
Und jeden Busch im WaldrevierUnd ihre Namen soll er nennenIn wissensfrohem Stolze mir.
Wie sie mich einstmals aufgezogen
50In frischer, herber Bergesluft
Und wie ich durstig eingesogenDer düstren Tannenwälder Duft,Wie ich in meinen KnabenjahrenIm Moos verfolgt des Wildes Spur,
55So soll auch er an sich erfahren
Den vollen Zauber der Natur.
Wie sich zur treuen Mutter wendetEin Kind mit seinem kleinen HarmUnd wie sein bittres Weinen endet
60Auf ihrem Schooß, in ihrem Arm,
So soll Vergessenheit er suchenIm Leid und einen süßen TraumAuf Bergeshöh’n, bei grünen BuchenUnd an des Meeres Dünensaum.
65Er soll mir treu der Mutter bleiben,
Der milden, gütigen Natur –Wir haben, wenn der Menschen TreibenUns widert, diese Zuflucht nur.
[153]Mit kühlem Hauche uns zu fächeln
70Die Stirn, ist immer sie bereit,
Und leise weicht vor ihrem LächelnDie tiefste, herbste Bitterkeit.
Wenn er mit rechtem Ohr zu lauschenDem Zwitschern und Gezirp versteht,
75Dem tiefen, feierlichen Rauschen,
Das durch die Föhrenwipfel geht,Dann wird – und stürme alles HassenDer Erde feindlich auf ihn ein –Er nimmer ganz und gar verlassen
80Und nimmer ohne Tröster sein.
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