Pfingstgedanken (Lavant)
[27]Pfingstgedanken.
Wie waren sie so froh erschrocken,Die Männer einfach und gering,Wie fühlten sie die Pulse stocken,Als Windesbrausen sie umfing
5Und es von hellen Feuerflocken
Auf ihre Häupter niederging!
[28] Und als dem Schreck sie sich entrungen,
Da fühlte Jeder Kraft und Werth,Da sprachen plötzlich sie in Zungen,
10Die Keiner ihnen je gelehrt,
Da ist ihr Wort beredt erklungenUnd hat die Lauschenden bekehrt.
Die Menge sah es tief betroffen,Von ehrfurchtsvoller Scheu bewegt;
15Ihr Herz ward einer Ahnung offen,
Die wenig Träumer nur gehegt,Und schüchtern hat ein frohes HoffenIn ihrer Seele sich geregt:
Das Hoffen, daß auf neuen Pfaden
20Erreichbar sei das ferne Ziel,
Das allen denen, die beladen,Noch stets in graue Nebel fiel,Daß in der Fluth sich dürfe badenDes festgefahrnen Schiffes Kiel.
25Die Aberweisen aber standen
Vor diesem Schauspiel tief verstimmt.Wenn Andre eine Lösung fanden,Die ihrem trüben Blick verschwimmtZu aller Zeit, in allen Landen
30Hat die Gelehrten das ergrimmt.
Sie mieden klüglich all’ und jedeBegegnung, dämmend ihren Groll;
[29] In Scheu vor jeder Geistesfehde
Erklärten sie das Volk für toll
35Und spöttisch klang die Flüsterrede:
„Sie sind des süßen Weines voll!“
Der alte Text, die alte Weise,So lang’ der Erde Vesten stehn!Sie müssen eben, laut und leise,
40Verleumden, fälschen und verdrehn;
Sie wollen stets im alten KreiseSich ehrfurchtsvoll beräuchert sehn.
Und wer die Hände keck und schnödeLegt in die Wunden seiner Zeit,
45Der wird verstoßen in die Oede
Im Wege der Gerechtigkeit;Von da zum wilden: „Tödte! Tödte!“Ist es bekanntlich auch nicht weit.
Doch stimmten solche alten Bilder,
50Beschaut man sie im rechten Licht,
Den rechten Menschen merklich milder –Man tödtet ja die Wahrheit nicht, –Und wenn noch giftiger und wilderDie alte Satzung man verficht.
55In solchen tröstlichen Gedanken
Schwillt immer wieder mir die Brust,Wenn ins Gewirr von Laub und RankenIch flüchte aus der Gassen Wust;Im Hochgefühl der Frei’n und Franken
60Liegt doch die höchste Frühlingslust.
[30] Und Allen, die durch grüne Breiten,
Auf denen Halmgewoge sprießt,Im Thau der milden Frühe schreiten,Wo sie der Blumen Duft umfließt,
65Mag das Gefühl die Seele weiten,
Das Pfingsten in die Brust mir gießt!
Comments
Loading comments…