Rothe Weihnachten

[12] Rothe Weihnachten.

Wie seinen Arm im Licht des jungen TagesDer Zecher seufzend auf die Tafel stemmt,Die man im wüsten Toben des GelagesMit Blut der Reben achtlos überschwemmt;

5[13] Wie in die Hand er müde senkt die Stirne,

Und wie ein Frösteln seinen Leib durchbebtUnd wie ihm leise schaudert vor der Dirne,Die stieren Blicks das Glas noch immer hebt;

Wie er sich schämt, daß dem verbuhlten Flüstern

10Er Nachts gelauscht – wie er in Ueberdruß

Sie von sich stößt, die ihm die Lippe lüsternNoch immer bietet zu verbotnem Kuß;Und wie, voll Ekels vor dem Wein, der SchlaffeDas Glas, das vor ihm, hastig von sich stößt

15Und gierig ein aus blitzender Karaffe

Des Wassers kalte, reine Fluth sich flößt –

So schüttelt langsam ab des Rausches Bande,Von Frost durchrieselt, müde, stumpf und bleich,Und so besinnt sich auf die eigne Schande

20Das arme Volk im neuen Deutschen Reich.

Es weist zurück in Ungeduld und GrauenDen Taumelkelch, mit Lolch und Mohn bekränzt,Und runzelt drohend seine dunklen Brauen,Wenn er ihm gleißend vor der Lippe glänzt.

25Es ist der Lüge satt, die ihm geschmeichelt,

Die es berauscht, die seinen Blick verhängt,Die ihm die Wange dirnenhaft gestreicheltUnd immer dichter sich an ihn gedrängt.Der Rausch der Siege und der Macht – verflogen!

30Die goldne Zeit, die man verhieß – ein Schein!

Wie plump und frech die Presse dich betrogen –Mein armes Volk, siehst du es endlich ein?

[14] Nun hörst du wieder auf der Wahrheit Stimme,

Die Trommelwirbel lange übertäubt,

35Und wider die und deren Wort die schlimme

Verführerin in wildem Haß sich sträubt.Laß sie nur immer durch die Zähne zischen,Laß sie nur zetern, bis die Kraft ihr schwand –Von ihren Wangen wird die Schminke wischen,

40Die lügnerische, strenger Wahrheit Hand.

Wohl steht sie höhnisch lächelnd da – es gleißenDie falschen Steine – groß ist ihre Macht,Die Wahrheit aber wird vom Leibe reißenIn Fetzen ihr die angemaßte Pracht,

45Und wie sie nieder jetzt zu treten trachtet,

Was schlicht und edel, wahr und frei und rein,So wird mit Recht sie von der Welt verachtetUnd wie die Pest dereinst gemieden sein.

Wir sind die Plänkler, und voraus zu streifen

50Durch Busch und Hecken, brechen rasch wir auf

Und lassen lustig unsre Kugeln pfeifen,Im Schleichen jetzt und dann im vollen Lauf,In einen Graben wirft sich rasch die KetteUnd sendet knatternd Schuß auf Schuß hervor

55Und plötzlich pflanzt sie auf die Bayonnette

Und springt in wildem Ungestüm empor.

Doch folgt den Plänklern, die den Kampf begonnen,Von fern in Massen dunkel, tief und schwerUnd näher dann in glitzernden Kolonnen

60Mit Sang und Klang und Trommelschlag das Heer,

[15] Und donnernd schleudert seine Eisenbälle

Es in der Lüge Veste, hochgethürmt,Bis es zuletzt die schuttgewordnen WälleMit tausendstimm’gem Siegesruf erstürmt.

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