Unsere Zeit (Lavant)

[3]Unsere Zeit.

Wohl ist es eine Zeit von Eisen,In der zu wirken uns bestimmt,Die rauh den Dichtern und den WeisenDie Sammlung und die Stille nimmt,

5Die vorwärts drängt auf Sturmesflügeln

Mit schrillem Pfiff, mit grellem Schrei,Wo sonst in Thälern und auf HügelnGewebt der Mondnacht Zauberei.

Doch diese rauhe Zeit zu hassen –

10Verstockte Blindheit nur vermag’s;

Es gilt nur eins – sie recht zu fassen,Die Dämmerung dieses neuen Tags,Der aus dem Zwielicht grauer Dome,Wie es der Kinderzeit gebührt,

15Die Menschheit rasch dem vollen Strome

Des goldnen Lichts entgegenführt.

Weckt aus der Asche die Heroen,Die Roms und Hellas’ Größe sahn –Wie würden ihre Augen lohen,

20Beträten staunend sie die Bahn!

Wie würden sie bewundernd preisenDie siegreich-frohe Geisterschlacht,Die neue Zeit, die Zeit von EisenIn aller ihrer Wundermacht!

25[4] Wenn zag und scheu die Alten standen

Vor dem Geheimniß tiefverhüllt,Und sich hinweg am Ende wandten,Von ahnungsvollem Grau’n erfüllt;So haben wir uns durchgerungen

30Auf schwacher, oft verlorner Spur,

Und sie in unsern Dienst gezwungen,Die Riesenkräfte der Natur.

Prometheus, sei um deine kühneGlorreiche That von uns gegrüßt,

35Der du den Raub, den ohne Sühne

Wir jetzt begehen, schwer gebüßt!Seit das Geschenk der heil’gen FlammeVom Tisch der Götter du gemacht,Ward ungestraft dem Menschenstamme

40So manche Gabe dargebracht.

Doch welche Zeit kann sich berühmenSo ungebrochnen Siegeszugs?Wer ahnt das Ziel des ungestümen,Des adlergleichen Sonnenflugs?

45Wo ist die letzte feste Schranke,

Wo weiß kein tiefes Sinnen Rath,Wo schwindelt haltlos der Gedanke,Wo sinkt der Arm der kühnen That?

So Unerhörtes ward errungen

50In einer kurzen Spanne Zeit,

So Urgewalt’ges ward bezwungen –Und vor uns liegt’s wie Ewigkeit!

[5] Wer möchte nicht die Hände heben

Voll Inbrunst, wie es nie geschehn,

55Und stehen um ein langes Leben,

Um mehr der Siege noch zu sehn?

Im großen Heer mit Karst und Feder,Das kühn des Weltgeists Schlachten schlägt,Soldaten wir, von denen jeder

60Den Marschallsstab im Ranzen trägt!

So laßt als treue ZeitgenossenUns fest denn zu einander stehnUnd durch die Reihen festgeschlossenEin siegesfrohes Rufen gehn!

Comments

Loading comments…