Verlorene Freunde

Verlorene Freunde.

So oft auf schmalem LebenspfadeMich überholt ein rascher Fuß,So oft ein Wandrer freundlich nahteMit hellem Blick und warmem Gruß —

5Ich schlug, gerührt von seinem Bitten,

In seine Rechte freudig einUnd weiter sind wir dann geschritten,Als könnt' es nimmer anders sein.

Doch lange nicht. Das Plaudern stockte

10Und gar zu einsam war der Weg,

Und auf die breite Straße lockteEs ihn zurück vom Wiesensteg.Ich sah ihn eilig weiter wandernUnd oft noch winken mit der Hand,

15Bis im Gewühl der vielen andern

Der einzelne dem Blick entschwand.

Doch war ich nie darob in Reue,Daß meinen spröden, kühlen StolzEin Wort voll Biederkeit und Treue,

20Ein Blick voll echter Güte schmolz,

Daß ich erglühte und erbleichte,Und daß es seltsam mich beglückt,Wenn ich die Hand, die dargereichte,In stummer Innigkeit gedrückt.

25Wenn lustig zwitschernd Dir und schwirrend

Ein Vöglein auf die Schulter fliegt,Und an die Wange, leise girrend,Das Köpfchen Dir vertraulich schmiegt,Wenn Deine Hand sich ohne Zagen

30Ein Falter wählt als Ruheziel,

Und auf und zu sich leise schlagenDie bunten Flügel wie im Spiel —

Bist du nicht bang, daß ein BewegenDen lieben kleinen Gast verscheucht,

35Und macht dir nicht ein tiefes Regen

Der Dankbarkeit die Wimper feucht,Und hat wie Veilchenduft im Winter,Dich das Vertrauen nicht gerührt,Das Dir die schlauen, schnellen Kinder

40Der freien Lüfte zugeführt?

Daß sie kein Hauch vor Dir vertriebe,Beherrschst Du jeden Athemzug,Und stießest rau zurück die Liebe,Die Dir ein Mensch entgegentrug.

45Obwohl es nur ein Sicherneuen

Des gleichen holden Wunders ist,Wenn treulich nahn die EwigscheuenUnd wenn sein Ich ein Mensch vergißt?

Rudolf Lavant.

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