Wanderträume

[147] Wanderträume.

O Wahn, man werde, grau geworden,In Frieden nicht zur Ruhe gehn,Wenn nicht der Blick in Süd und NordenDie Wunder dieser Welt gesehn,

5Wenn man die Berge nicht erklommen,

Auf deren Grat die Wolke ruht,Und nicht an Schiffesbord durchschwommenDie blaue schaumgekrönte Fluth.

Einst träumt auch ich von Alpenmatten

10Und Wassersturz von steiler Wand,

Von einem Ruhn im PalmenschattenAn heißer, gelber Wüste Rand,

[148]Von halbversunknen Säulenhallen,

Umkreist von trägem Geierflug,

15Von donnerndem Lawinenfallen

Und buntem Karawanenzug.

Es flog mein Traum von Schwedens TannenUnd blutigrother NordlichtprachtIns Halmgewoge der Savannen

20Und in des Urwalds grüne Nacht;

Auf des Rialto MarmortreppeVerlor ich mich im bunten Troß,Und schweifte dann durch graue SteppeUnd durch die Wolga schwamm mein Roß.

25Ich sah, umwebt vom Duft der Sagen,

Die Burgen stehn am grünen Rhein,Und schlanke Minarete ragenAus dunkelndem Olivenhain,Und von dem ewig blauen Himmel

30Der die Alhambra überspannt,

Hab’ ich im BoulevardgewimmelUnd Themsenebel mich verbannt.

Ich wollte einmal nur beschleichenDen Bär im Maladettaschnee

35Und gehn auf Dünen und auf Deichen

Am Ufersaum der Zuidersee,Ich wollte vor dem Sturme fliehenIm Kattegatt in leichter YachtUnd mit Banater Grenzern ziehen

40Am Donaustrand auf Schmugglerwacht.

[149]Wohl ist der Zauber nicht geschwunden,

Der stille Zauber der Natur,Wie ihn in träumerischen StundenDer scheue Knabe schon erfuhr,

45Doch um den Reiz der stolzen Namen,

Den Reiz der Ferne ist’s geschehn,Seit die Natur im engsten RahmenIn voller Schöne ich gesehn.

Was eines Menschen Werth entscheidet

50Ist Fülle des Erlebten nicht –

Nur wie er fühlt und wie er leidet,Das macht sein Leben zum Gedicht.Vor der Natur als Gaffer stehenIst nicht Genuß und nicht Gewinn –

55Mit rechten Augen sie zu sehen

Weiß nur ein tiefer, stiller Sinn.

Laß dich hinaus zum Walde lockenUnd glaube mir, er wird dir liebMit seinen schlichten, blauen Glocken,

60Mit seinem zarten Fichtentrieb.

Sieh hoch im Blau auf starken SchwingenLautlose Kreise ziehn den WeihUnd höre durch das Schweigen dringenVon fern den schrillen Häherschrei.

65Du mußt ihn sehn im Frühlingsregen

Und wenn der Sturm die Wipfel biegt,Und wenn auf den umbuschten WegenDer matte Mondenschimmer liegt;

[150]Du mußt durchschreiten seine Tiefen,

70Wenn alles starrt in Winterpracht

Und wenn die braunen Blätter triefenNach nebelfeuchter Herbstesnacht.

Du mußt im Spiel der MorgenlichterIhn sehn, von Spechtgepoch durchhallt,

75Und mußt ihn sehn, wenn dicht und dichter

Sich über ihm ein Wetter ballt.Er bietet alle FarbentöneUnd jeden Schatten, jedes Licht –Versenke dich in seine Schöne

80Und du bedarfst der Ferne nicht.

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