Literaturbriefe an eine Dame — XIX
Im Spätherbstlaube steht mein Leben;Zu Ende ging das frohe Spiel;Die Sonn’ erblaßt; die Nebel weben,Und bald, ich fühl’s, bin ich am Ziel.
Doch nicht in klagenden AccordenHinsterben soll mein Harfenschlag;Zwei Freuden sind mir noch geworden,Drum ich beglückt mich preisen mag:
Ich sah mit Augen noch die SiegeDes deutschen Volks und sah das Reich,Und leg’ auf meines Enkels WiegeDen frisch erkämpften Eichenzweig.
Ach, und als zu Nacht am FeuerSeiner Rede Wohllaut floß,Märchenhafter AbenteuerFremde Welt vor uns erschloß,Wie berauscht an seinen LippenHing mein Ohr, und froh und bangFolgt’ ich ihm durch Schlacht und Klippen,Sturmgeheul und Nixensang!
Tage dann in sel’gem SchweigenLebt’ ich, wie die Blume lebt,Die, dem Helios zu eigen,Nur zu ihm den Blick erhebt;Wenn sein Lächeln mich getroffen,Blühte stillbeglückt mein Sinn,Und in heimlich süßem HoffenSchritt ich wie auf Wolken hin.
Im Wintermond, und das ist wahr,Da sind die Blumen gar zu rar,Man sieht sie nirgends glänzen.Wo nehmen wir die Blumen herUnd winden Kränze voll und schwer,Die Mutter heut’ zu kränzen?
Wer hilft uns nun, wer giebt uns Rath?– Ich, sagt der alte Freiligrath,Und einen ganz famosen.Habt ihr nicht Augen hell und klar?Habt ihr nicht braun und blondes Haar,Und Wangen wie die Rosen?
Der Himmel gab euch Licht und Thau,Ihr seid auf dieser fremden AuWie Blumen frisch erwachsen.So schlingt die Hände denn zum TanzUnd tanzt, der allerschönste Kranz,Um die Mama aus Sachsen.
O du bist schön! Um deine LaubenDie Blätter schimmern roth und falb.Dein Neckar blitzt um deine Trauben,Und kühn und hoch ragt deine Alb.Rings deine Fülle, rings dein Segen,Ringsum die Keltern, die du färbst;Gesang und Lust auf allen WegenVerkünden weithin deinen Herbst.
Das sommermüde Jahr verklingt,Im kahlen Wald kein Vogel singt,Der Wind saust über die Haide.Ein Feuerlein ist im Kamin entfacht,Da singen wir sacht,Mein Herz und die Flamme, wir beide.
Sanft unter’m Fittig der NachtSchläft nun der hastige Wind.Komm, laß uns schweigen und lauschen,Wälder und Ströme, sie rauschenNur wie im Traum noch gelind.
Stürme im Busen entfacht,Zitternd verathmet ihr Chor.Ruhiger, ohne GefährdeBrennen auf ewigem HerdeFlammen der Seele empor.
Folgend der himmlischen Macht,Lodern sie herrlich in Eins.Mild wie durch OpfergedüfteBlicken die Sterne der LüfteNiederwärts segnenden Scheins.
Mir ward ein Glück, das ich höher schätzteAls alles Gold in Perus Ebne:Ich hatte niemals VorgesetzteUnd niemals Untergebne.
Sieh nichts, hör’ nichts, sei verschlossenUnd womöglich sei auch dumm!Dann mit neidischen GenossenGeht sich’s ganz erträglich um.
Wer etwas freudig will genießen,Muß halb das Auge dabei schließen.Wenn der Havanna reiner BrandDir würzig Zung’ und Nase prickelt,So denk’ nicht an die schwarze HandDes Negers, der sie dir gewickelt!
Erst eben DonnergerolleIn flammender Wolkenschlacht,Und nun die zaubervolle,Selige Stille der Nacht.
Es flohen die RuhestörerDes Tages vor ihr hin,Wie die besiegten EmpörerVor ihrer Königin.
Hell schwimmt im WasserspiegelDer ganze Himmelsdom –Es drückt sein SternensiegelDer Himmel auf den Strom.
Nur matt am HimmelssaumeLeuchtet’s noch ab und zu,Wie sich der Geist im TraumeNoch regt in Schlafesruh’.
Wenn die Rebe blüht,Gährt im Faß der Wein;Wenn die Traube glüht,Steigt der Durst am Rhein.
Grüß’ Dich Gott, mein Schatz!Wollt’, Du wärst bei mir.Wär’ zur Stund’ Dein PlatzWohl bereitet hier!
Wo’s zu Berge strebt,Wo’s zu Thale sinkt,Wo’s sich fröhlich lebt,Wo’s sich durstig trinkt.
In die Traube rannHimmelslicht und Gluth,Wieder himmelanTrägt uns dann ihr Blut.
Ein graues Antlitz, jung und alt zugleich,Nicht krank und nicht gesund, auch unschön nicht,Doch schlaff die Lippe und das Auge müd’Verschleiert; lang, nach Weiberart, das HaarMit Gold bestäubt, in wehendem GelockDen Nacken rührend, d’ran sich, tief durchdacht,Kunstvoller Faltenwurf des Purpurs schließt.
Nichts seltsamer, als wenn ein MannWahrnimmt, daß sein Gewand zerfetzt.Und einen neuen Rock sich dannIn seine alten Knöpfe setzt.
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